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Wolfgang-Rosenthal-Symposium am 19. und 20. September in Thallwitz/Sachsen

Am 19. und 20. September wollen Schüler, Freunde und Mitarbeiter der Wiederkehr des 125. Geburtstages von Professor Dr. Dr. h.c. Wolfgang Rosenthal und des 65. Jahrestages der Gründung seines Lebenswerkes, der Klinik für plastische und wiederherstellende Kiefer- und Gesichtschirurgie in Thallwitz gedenken und feiern (Startet den Datei-DownloadTagungsprogramm).

Wolfgang Rosenthal wurde am 8. September 1882 in eine christliche, traditionell musikalische Familie in Friedrichshagen bei Berlin geboren. Als Mitglied des Leipziger Thomanerchores und als berühmter Konzert- und Oratoriensänger hat Rosenthal lebenslang erfolgreich Musik, Chirurgie und Wissenschaft miteinander verbunden.

Auf einer 13-monatigen Weltreise über Frankreich, England nach Südafrika zur Farm seines Schwagers erweiterte Rosenthal seinen politischen Horizont aus dem Kaiserreich zu einer weltoffenen, liberal-sozialen Persönlichkeit.

Nach dem medizinischen Staatsexamen und Promotion 1910/1911 wurde er durch Professor Perthes und Professor Heinecke in Leipzig zum Facharzt für Chirurgie mit frühzeitiger Spezialisierung in der plastischen und Kopfchirurgie ausgebildet.

Rosenthals zunehmende Verpflichtungen als gesuchter Bassbariton waren nicht mehr mit seiner Tätigkeit an der Universität zu vereinbaren. So gab er diese Tätigkeit zum 15. November 1913 auf.

Ohne den 1. Weltkrieg wäre Rosenthal der Chirurgie und medizinischen Wissenschaft verloren gegangen. Nach Ausbruch des 1. Weltkrieges wurde Professor Heinecke sofort im August 1914 als beratener Chirurg der sächsischen Armee eingezogen. Rosenthal wurde dienstverpflichtet und als Stellvertreter von Heinecke mit der Leitung der chirurgischen Poliklinik beauftragt. Zusätzlich sollte er das Leipziger Reservelazarettes für Kieferverletzte einrichten. Der mitarbeitende Assistent und spätere Direktor prothetischen Abteilung und der Zahn-, Mund- und Kieferklinik Leipzig Professor Kleeberg schrieb: „Tausenden von Schwerst- und Gesichtsverletzten hat Rosenthal in der Zeit des 1. Weltkrieges geholfen, hat die für ihre Mitmenschen auch abstoßend wirkenden Verstümmelten durch seine wahrhaft überragende chirurgische Kunst wieder so hergestellt, dass sie sich ohne psychische Belastungen frei bewegen konnten. Durch mehr als 100 Knochentransplantationen hat er schon damals diesen Menschen die Kaufähigkeit wiedergegeben.“ Im März 1917 erhielt er vom sächsischen König Friedrich-August das Kriegsverdienstkreuz.

Zur Wiederherstellung der mimischen Gesichtsmuskulatur entwickelte Rosenthal eine spezielle muskuläre Neurotisation. Diese führte er auch bei diphterischen Lähmungen und Verletzungen im Mund-Rachenbereich sowie bei Gaumen-, Segel-Rachenfehlbildungen durch. Dies Neurotisation und die Pharynxplastik machten Rosenthal frühzeitig in Fachkreisen weltbekannt.

Am 19. Februar 1918 habilitierte sich Rosenthal mit dem Thema „Erfahrungen auf dem Gebiete der Uranoplastik“. In dieser forderte er schon eine intensive Zusammenarbeit zwischen Orthodonten, Prothetiker, Sprachlehrer und Hals-Nasen-Ohrenärzte. Eine frühzeitige Mittelohrbehandlung hielt Rosenthal für notwendig.

Nach Entlassung von Professor Heinecke 1921 aus der sächsischen Armee endete auch Rosenthals Zeit als dienstverpflichteter Klinikleiter. Er ließ sich 1921 als Chirurg in eigener Praxis in Leipzig nieder,  hielt weiterhin seine Vorlesungen „Spezielle Kieferchirurgie für Zahnärzte“ und operierte als Belegarzt in der chirurgischen Universitätspoliklinik sowie in weiteren Privatkliniken in Leipzig. Seine kleinen Spaltpatienten wurden im Kinderheim der inneren Mission in der Scheffelstraße behandelt und zusätzlich durch den Kinderarzt Dr. Ranft betreut.

Mit der Entwicklung des Radios und der Bildung von Rundfunkgesellschaften wurde Rosenthal bevorzugt engagiert wegen des besonderen Timbres seiner Stimmung und seiner deutlichen Aussprache. Obwohl er volle Befriedigung als Sänger empfand, fesselte ihn seine plastische-chirurgische Tätigkeit so sehr, dass er diese zunehmend ausbaute. Auch wollte kein alternder Sänger werden.
Für die Spaltträgerbehandlung forderte Rosenthal eine gute interdisziplinäre Zusammenarbeit auf der Grundlage eines gemeinsamen Behandlungsplanes nach genauer Befundung, um die wissenschaftliche Auswertung der Ergebnisse zu sichern.

Auch um die sozialen Probleme der Familien kümmerte sich Rosenthal und erreichte, dass die Kosten für die Spaltträgerbehandlung nicht mehr privat getragen werden mussten sondern über die so genannte „Krüppelfürsorge“ erstattet wurden. 1935 erreichte Rosenthal auch die Kostenübernahme für die kieferorthopädische Behandlung.

Um einen kieferchirurgischen Lehrstuhl übernehmen zu können, hielt Rosenthal es für notwendig Zahnheilkunde zu studieren und mit einer staatlichen Prüfung abzuschließen. Noch heute ist diese Doppelapprobation Grundlage für die Anerkennung als Facharzt für Mund-, Kiefer-Gesichtschirurgen.

1936 erhielt Rosenthal einen Ruf an die Universitätsklinik in Hamburg. Da er den geforderten Ariernachweis nicht erbringen konnte – sein dokumentarischer Großvater war Halbjude - wurde dem 55-jährigen am 7. August 1937 die Lehrbefugnis entzogen und er aus allen Ämtern und Funktionen entlassen. Auch öffentliche Auftritte als Sänger wurden untersagt. So zog sich Rosenthal in seine Leipziger Privatpraxis zurück.

Unter demütigenden Umständen gelang es Rosenthal 1943 den Nachweis zu erbringen, dass er „Deutscher arischen Blutes sei“. Diese Urkunde war Voraussetzung für die Anmietung des Thallwitzer Jagdschlosses und dessen Ausbau zu einer Klinik. Diese Sternstunde für Thallwitz fand nach einer nicht vorhersehbaren Entwicklung zur weltweit bekannten Wolfgang-Rosenthal-Klinik 1969 ihren Höhepunkt. Nach dem Tode Rosenthals 1971 führte der zunehmende Einfluss der SED zum Niedergang der Klinik. Dieser war auch nach der Wende nicht mehr aufzuhalten und führte 1994 zur Übernahme durch die Leipziger Universitätsklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie.
„Die Diagnose ist einer der Fundamentalbegriffe und der zentrale Orientierungspunkt des Arztes. Therapeutische Fehlentscheidungen beruhen fast immer auf der Grundlage von Fehldiagnosen.“

Für wissenschaftliche Auswertungen, Vergleiche unterschiedlicher Behandlungsmethoden, ihrer Zeitpunkte sowie der Behandlungskosten, ist die Klärung und Vereinheitlichung der Begriffe, Formen, Strukturen und Zeitpunkte Voraussetzung (bio-psycho-soziales Modell der Weltgesundheitsorganisation).
Erkrankungen und Unfälle treffen gesunde Menschen und verändern deren gesunde Strukturen und Funktionen. Dauern sie länger als 6 Monate an können sie durch Rehabilitationsmaßnahmen zur Normalität geführt werden. Durch angeborene Lippen-, Kiefer-, Gaumen-, Segel-Nasen-, Vomer-, Rachenfehlbildungen (LKGS-NVR) entwickeln sich jedoch Hirn- und Gesichtsschädel, sowie Mund- und Rachenhöhlen ab 2. Schwangerschaftsmonat nicht mehr normal.

Das Gesicht mit Augen, Mund, Nase, Rachen und Ohren ist der zentrale Ort der Kommunikation und bildet das Tor zum Leben. Die menschliche Stimme ist das vielfältigste Kommunikationsinstrument, das die Natur hervorgebracht hat. Das Baby leidet sofort nach der Geburt an Atmungs- und Schluckstörungen, sowie zunehmend an Hör- und Sprachstörungen. Das Selbstwertgefühl leidet und führt zu psycho-sozialen Störungen. Die fehlerhaften Formen und Strukturen verstärken und festigen die Funktionsstörungen solange, wie die Mund-, Nasen-, Rachen-, Pauken- und Thoraxhöhlen mit ihren feinen, dynamischen Regulationsmechanismen struktur- und zeitgerecht nachgebildet werden.

Von Beginn seiner Ausbildung 1958 als Spezialchirurg für Lippen-, Kiefer-, Gaumen-, Nasen-, Vomer- und Rachenfehlbildungen bemühte sich Koch um eine exakte Diagnose und Dokumentation:

  • 1963 bis 1979 entwickelte er die Basisdokumentation der LKGS-Fehlbildungen als LKGS-Formel bzw. als LAHS-Kode.
  • 1963 bis 1969 gelang ihm die morpho-physiologisch begründete Lagerbildung für die Knochentransplantation in den Kiefer-, Gaumen-Vomerkomplex. Damit wurden erstmalig annähernd normale Strukturen und Stabilität der tragenden Mittelgesichtsknochen des Oberkiefers und der Nase erreicht. Der embryologisch vorgegebene dreischichtige Verschluss ist schlüssig, sicher und restlochfrei sowohl bei ein- wie beidseitigen LKGNR-Fehlbildungen.
  • Am Ausbau der Wolfgang-Rosenthal-Klinik für plastische und wiederherstellende Kiefer- und Gesichtschirurgie in Thallwitz bei Leipzig zum 1. Rehabilitationszentrum für LKGS-Spaltträger in Deutschland war Koch als Abteilungsleiter und stellvertretender Ärztlicher Direktor seit 1963 wesentlich beteiligt. Da er unzumutbare Empfehlungen von Mitarbeitern der Partei und des Staates in der DDR nicht erfüllte, wurde er kaltgestellt, erhielt Berufsverbot und musste die DDR im September 1975 mittels Konfliktverschleierungsvisum verlassen.
  • Nachdem Koch festgestellt hatte, dass die den Fehlbildungsoperationen angelasteten Wachstumsminderungen primär auf fehlangelegten Wachstumsmustern beruhen, hat er die Atem-, Schluck-, Hör- und Sprechwerkzeuge schon im 1. Lebensjahr in einer Operation nachentwickelt. Dadurch verbesserten sich die Chancen für die Frühförderung erheblich.
  • 1985 bis 1988 wurden in langwierigen Verhandlungen zwischen Koch und dem dem Gesundheits- und Sozialministerium der Bundesrepublik Deutschland der Grad der Behinderung für die Folgen der LKGNRF entscheidend zu Gunsten der betroffenen Kinder verbessert: statt mit 30 bis 50 wurde der GdB neu mit 100 plus Nachteilsausgleich „H“ festgelegt.
  • Im Rahmen der Harmonisierung der zahlreichen Vorschläge für die Nomenklatur und Dokumentation der LKGNRF wurde die von Koch entwickelte LKGS-Formel/Cleft-LAHS-Kode 2000 von der Mitgliederversammlung der Deutschen Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie und des Interdisziplinären Arbeitskreises LKG-Spalten und kranio-faziale Anomalien als Basisdokumentation beschlossen und die Aufnahme in die Internationale Klassifikation der Krankheiten der WHO (ICD-gm(german modification)) 2006 10. Revision empfohlen und aufgenommen. Die Schweregradeinteilung für Ausprägung und Verlauf mit 4 Ziffern (0, 1, 2 und 3) wurde als Grundlage für die Minimaldokumentation festgelegt. Entsprechend der Dokumentierrichtlinien P005e wurde ab 2006 die Beidseitigkeit auch für die Segel- und Rachenfehlbildung befundet und mit dem erweiterten LAHS-NVR-Kode dokumentiert.
J. Koch, 2008
  • 1981 regte Koch Betroffene zur Gründung der Wolfgang-Rosenthal-Gesellschaft, eine bundesweit agierende Selbsthilfeorganisation für Menschen mit Lippen-, Kiefer-, Gaumen-, Nasen-, Rachen-Fehlbildungen an, mit dem Ziel ihre soziale Situation zu verbessern und eine Basis für Diskussionen mit den Therapeuten über die bestmögliche Behandlung ihrer Kinder zu schaffen.
  • Die Kieferchirurgen in der Bundesrepublik wurden durch diese Aktivitäten in ihrem Bemühen gefördert einen Arbeitskreis „Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten und kranio-faziale Fehlbildungen“ zu gründen. Trotzdem wurden noch bis Ende des 2. Jahrtausend durch Mitarbeiter von 204 Kliniken und Spezialabteilungen in Europa 194 unterschiedliche Behandlungsmethoden angewandt. Dabei werden Restlöcher bzw. Restspalten mit ihren schwerwiegenden Folgen bis in das Schulalter hinein akzeptiert.
  • Einen Ausweg sah Koch in der Gründung eines Vereines, der sich um die Durchsetzung und Bekanntmachung der schlüssigen Morpho-Physio-Logischen Therapie bemüht. Durch Benchmarking soll aus den vielen Behandlungsprogrammen neutral die bestmögliche morpho-physio-logische Behandlung für die betroffenen Kinder herausgefiltert werden.
  • 1965 erhielt der junge Wissenschaftler für seine Arbeiten die Ehrennadel der Universität Leipzig, die Comenius-Nadel der Universität Bratislava, 1970 die Philipp-Pfaff-Medaille der Deutschen Gesellschaft für Stomatologie und 1971 vom Minister für Gesundheitswesen den Rudolf-Virchow-Preis.
  • Für seinen lebenslangen, unermüdlichen Einsatz verlieh der Bundespräsident Johannes Rau am 11. Juni 2004 Josef Koch das Bundesverdienstkreuz am Bande.
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